Selbstbau: 1948er Nachkriegsradiogerät

 

Es gab eine Zeit, als nach dem Krieg der Wunsch nach Unterhaltung und Information groß war, die wirtschaftlichen Möglichkeiten für den regulären Bezug eines Radioempfängers wenn überhaupt verfügbar, speziell für Familien die durch Kriegseinwirkungen nicht nur Hab und Gut sondern auch den Vater und Ernährer verloren haben jedoch beschränkt blieben.

ws5378    Notradio der "Stunde Null"

 

Im folgenden Beitrag stelle ich ein nach Vorlagen des Magazins RADIOAMATEUR (Radiopraktiker) ein von Herrn Gerhard Mayerweck gefertigtes Radioamateurgerät aus Ende 1948 vor.

 

Herr Gerhard Mayerweck war auch seinerzeit Anstoß für mich in der Rundfunkelektronik Fuß zu fassen.

Der Bau eines Detektorgerätes nach seiner Anleitung, bestehend aus einer Spule gefertigt aus einem über eine Toilettenpapierrolle gewickelten Drahtes war der Beginn meiner heutigen Sammlung und des ersten beruflichen Werdegangs. Weitere Artefakte kamen bis zu seinem Ableben 2005 noch dazu.

Als Freund der Familie waren es zudem seine Erzählungen aus der Kindheit und Jugend, die diese Zeit und deren Werte begreifbar machten. Dieser Erinnerung widme ich den folgenden Beitrag.


 

Selbstbau Notradio um 1948 in Österreich Wien

Bild: Radioamateur Notradio aus 1948

gebaut nach Vorlagen aus RADIOAMATEUR (Radiopraktiker)

Ansicht von der Rückseite, zu sehen ist der Bedienknopf für den Sperrkreis und der Ein-Aus-Kippschalter

Bild: Ansicht von der Rückseite, zu sehen ist der Bedienknopf für den Sperrkreis (zum Signaldämpfen des Lokalsenders) und der Ein-Aus-Kippschalter

Zum Gerät

Dieser Rundfunkempfänger ist schaltungstechnisch ein Einkreis Audion für Mittelwelle. Ausgeführt als Allstromgerät mit einem Urdox Widerstand, da damals in Wien (1050) bis in die 1960er Jahre auch 220 Volt Gleichspannung vorhanden war.

Zu den Bedienelementen

 Drei Einstellorgane befinden sich an der Frontseite:

  1. Rückkopplung  300cm Trimmkondensator

  2. Abstimmung     500cm Drehkondensator 

  3. Lautstärke

 Rückseitig:

  • Netzschalter Ein-Aus

  • Sperrkreis: (Aus VE Beständen)

 Gerät bei abgenommener Rückwand (von links nach rechts die Röhren NF2, CL4, CY1, Urdox: EU VI)                  

  Bild: Gerät bei abgenommener Rückwand (von links nach rechts die Röhren NF2, CL4, CY1, Urdox: EU VI)

Der an der Rückwand montierte Sperrkreis

Bild: Der an der Rückwand montierte Sperrkreis

Der verwendete Röhrensatz

  • Außenkontaktstiftsockelserie

  • Skalenlämpchen im Heizkreis  

  • Gleichrichter: CY 1   200mA Strom (VALVO)

  • Audion:     NF 2  (VALVO)

  • NF-Verstärker:    CL 4 (TELEFUNKEN)

  • Stromstabilisator:  Urdox: EU VI 

Sicht auf die Audionröhre (links) und Endröhre (rechts), dahinter Drehkondensator

 Bild: Sicht auf die Audionröhre (links) und Endröhre (rechts), dahinter der Drehkondensator

Die Herkunft der Einzelteile (soweit nachvollziehbar):

  • Skalentrieb gekauft bei Radio Heitler, Wien - Siehe Artikel unten zu SM - Matthias Skarits, Radio-Elektromechanische Werkstätte, Wien IX
  • Lautsprecher gekauft bei Gablitzky, Taborstrasse 4, 1020 Wien
  • Weitere elektrische Teile stammen größtenteils aus Teilen des Volksempfängers
  • Das Holzgehäuse ist selbst gemacht, ebenso die Bespannung und die Einpassung von Skala und Skalentrieb.
  • Drehkondensator: vermutlich aus Ausschlachtbeständen von Geräten aus den 1920er Jahren (Solche 1920er Bauteile gab jahrzehnte später der Erbauer auch dem Autor)

 

Ansicht der Skala

Bild: Ansicht der SM-Radioskala

Blick auf den Lautsprecher bei gezogener Gleichrichter- und Stromregelröhre

Bild: Blick auf den Lautsprecher bei gezogener Gleichrichter- und Stromregelröhre

  

Die Schaltung:

Eine, von der Bandumschaltung abgesehen, wohl am weitgehend identesten Schaltung findet sich im Ostdeutschen 1947/48 Radiogerät "Zittau GWLK I" wieder. Wobei diese einfache Schaltungsart, mit zudem auch unterschiedlichen Röhrenbestückungen, je nachdem was gerade zur Hand war natürlich ebenso grundsätzlich funktioniert.

Lokal, auf Österreich bezogen, dürfte der KAPSCH 247U, dort jedoch mit MW + KW unserem Selbstbau Gerät recht nahe kommen.

Einfache Geradeausschaltung mit 2 Röhren + Gleichrichter in Alltromausführung

Bild: Schaltungsbeispiel für den Geradeausempfänger mit 2 + 1 Röhren. "Unserer" hat aber noch einen Urdox Widerstand zur Strombegrenzung eingebaut [2].

 

Zum Konstrukteur:

 

Das Gerät wurde vom Verkäufer, Herrn Gerhard Mayerweck, Jahrgang 1930 († 2005), gebaut. Herr Mayerweck war währenddessen im Rundfunk Einzelhandel seit Sept. 1945 bei Firma Ing. Egon Fritsch, Schäffergasse 1, 1040 Wien tätig.

Ing. Egon Fritsch Radioapparate

Bild: Das Unternehmen ist auszugsweise im Lehmann Wiener Adressanzeiger von 1937 (noch in der Waaggasse 5, Wien 4) wie auch 1942 angeführt.

 

Mit 31. 1. 1949 musste er die Firma aus wirtschaftlichen Gründen verlassenn. Späterr war er tätig in der Strickereibranchee, als Buchverkäufer und Aufsichtsorgan in einem Museum bis zu seiner Pensionierung.. Sein Leben lang war er ein leidenschaftlicher Bastler und Amateurr was Modellbau, (Schiffsmodell, Dampfmaschine), Tonbandamateur, Super 8 Amateur und mehr einschloß.  

Gebaut wurde das Gerät für den Hausgebrauch im Rahmen der Anfertigung von Kleinstserien zum Zwecke des Verkaufes.

Zum Bau diente auch eine Handbohrmaschine die durch Eintausch mit einem "organisierten" Telefon beschafft werden konnte.

Etwa in diese Zeit passt auch das nicht alltägliche, später an den Autor vererbte Elektrodyn-Universal-Rundfunkmeßgerät U38 was bei seinen Arbeiten sicher hilfreich war. 

Siehe auch den Beitrag dazu.

 

Davor war im Hause der Familie ein Selbstbau-Gerät vom Onkel des Erbauers aus Anfang der 1940er Jahre vorhanden, welches durch Bombenschäden am 12. 9. 1944 zu Bruch ging. Parallel dazu wurde auch noch mit einem Selbstbau-Detektor gearbeitet, mit dem Radio Wien, Radio Budapest und Radio Prag bei angeschlossener Erdleitung empfangen werden konnte.

 

Die Einsatzdauer des beschriebenen Notradios bei der Familie betrug 2-3 Jahre.

 

Der Konstrukteur war auch seinerzeit der Anstoß für den Autor in der (Rundfunk-)elektronik Fuß zu fassen.

Der Bau eines Detektorgerätes nach seiner Anleitung, war der Beginn der heutigen Sammlung und des weiteren beruflichen Werdegangs (Siehe auch den Artikel "Wie alles begann...).     


                                

Nachtrag zum Hersteller der SM Radioskalen sowie den Skalenzeigerantrieben

Das relativ häufig auf vergleichbaren Radios jener Tage vorzufindende Logo "SM" steht für Matthias Skarits, Radio-Elektromechanische Werkstätte, Wien IX.

So führt die RADIO-RUNDSCHAU

Technisch-wirtschaftliche Zeitschrift
2. Jahrg. Jänner-Februar 1947 Nr. 1/2
Wien V, Margaretengürtel 124 des Österreichischer Arbeiter-Radiobund

das schon bessere Modell vor:  (Abgerufen von https://archive . org/details/RadioRundschau19470102/page/n21/mode/2up am 16..3.2022)

SM Skalen Gehäuse Radiobauteile 1947  Bild rechts: Werbeschaltung zur SM-Skala, aus "Radiotechnik", Heft 1/1947, Seite 63

"Das neue „SM"- Radioge- 
häuse mit Trieb und Skala 

Derzeit gelangt ein neues Radiogehäuse in den 
Handel, welches besondere Beachtung verdient, 
da dieses Gehäuse einen bereits fertig montierten 
Skalentrieb sowie eine Skala enthält. Dadurch ist 
besonders den Amateuren die Möglichkeit gebo- 
ten, einen selbstgebauten Empfänger ohne größere 
mechanische Arbeit in ein formschönes Gehäuse 
einzubauen. 

Die sehr gefällige Holzkassette hat die äußeren 
Abmessungen 290 mm Breite X 150 mm Tiefe X 
220 mm Höhe. Der Ausschnitt für die Glas- 
skala befindet sich an der oberen Vorderkante, 
die Glasskala ist schräg nach rückwärts geneigt, 
so daß sich eine besonders günstige Lage für das 
Blickfeld beim Ablesen der Stationsnamen ergibt. 
Der kreisrunde Ausschnitt für den Lautsprecher 
auf der Vorderwand wird durch eine Reihe Zier- 
leisten abgedeckt, welche in sinnreicher Weise 
derart angeordnet sind, daß zwar die Schallab- 
strahlung erfolgen kann, der Lautsprecher dem 
Blick jedoch verdeckt wird. Dadurch wird die 
sonst übliche Stoffbespannung der Lautsprecher- 
öffnung vermieden und der Kassette eine moderne, 
sehr ansprechende Note verliehen. Die Innen- 
abmessungen der Kassette betragen 265 mm lichte 
Breite, 145 mm lichte Tiefe und 180 mm lichte 
Höhe. Von der lichten Tiefe sind jedoch noch 
25 mm für die Schallwand abzuziehen, so daß 
für den Einbau eines Empfängers 120 mm lichte 
Tiefe zur Verfügung stehen. Somit bietet diese 
Kassette selbst für einen Vierröhrensuper bei 
günstiger Anordnung der Einzelteile noch ge- 
nügend Platz. Der Skalentrieb ist auf einem 
Holzbrett montiert, welches die Maße 260 X 
170 mm aufweist. Dieses Holzbrett dient zugleich 
als Schallwand für den Lautsprecher. Der Skalen- 
trieb besteht aus der Antriebsachse für den Seil- 
Zug in der Mitte der Schallwand, aus der Seil- 
trommel, welche mittels Muffe mit der Dreh- 
kondensatorachse verbunden wird, aus den Um- 
lenkrollen und aus dem Antriebsseil mit Spann- 
feder. Die Glasskala ist, wie bereits erwähnt, an 
der Kassette selbst befestigt. Hinter der Skala 
wird durch den Seiltrieb der Einstellzeiger hori- 
zontal vorbei bewegt." 
Über damalige Geschäfte der Branche wie der Wiener Schallplattenhaus GmbH 
Wiener Schallplattenhaus, G.m.b.H.. Wien, I., Getreidemarkt 10 wurden 
die Artikel mit einer Werbebroschüre vertrieben:
 SM Radioskalen Prospekt 

Bild: SM Werbeblatt 2/1948

  Wien-Schall Werbung 1949

Quellen & Literaturnachweise:

  1. Werbeschaltung für Radiobauteile von Wien Schall (Das Elektron 11-1949) abgerufen auf archive .org vom 17.3.2022

  2.  Schaltplansammlung Lange Nowitsch

  3. Wiener Adressanzeiger - Lehmann

                        

Wien, am 10. Mai 1999 (27.6.2005)/14.4.2006; Überarbeitet am 16.03.2022 (Wolfgang Scheida)

 zu www.scheida.at/scheida/televisionen.htm gehörend

Letzte Überarbeitung: 23.11.22