Erinnerungen von und mit Ing. Martin Stiny, Fachlehrer und Unternehmer a.D. 

 

Als ich in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre meine Berufsausbildung absolvierte, besuchte ich einmal die Woche die Berufschule für Nachrichtentechnik in der Wiener Mollardgasse.

Nebst anderen Lehrern gab es einen etwas älteren Fachlehrer, der zwar streng, aber wie ich meinte immer ehrlich war. Zudem lockerte er den Unterricht durch unzählige Anekdoten aus seinem reichhaltigen Lebensschatz auf die ich mir zum Teil wohl eher gemerkt haben dürfte als den eigentlichen Unterrichtsgegenstand.

So führte er uns gedanklich in seine Jugend in der Kriegs/Nachkriegszeit liegend. Sein Einsatz bei der Marine als U-Bootfahrer. Illegales Senderbasteln und betreiben. Sein Einsatz in Kaprun als Siemens Ingenieur und vieles mehr bis in die Everglades in Florida wo er zu Urlaub war. Wir erfuhren weiters das Hubraum (beim Auto) durch nichts zu ersetzen sei. Die Vorzüge amerikanischen Einheitsstandardisierung bei Felgen und Bauteilen lernten wir kennen.....

 

Zeitzeugeninterview mit dem Fachlehrer und Unternehmer a.D. Herrn Ing. Martin Stiny

Einleitung:

Woher kommt das Fachwissen, dass der professionelle Berufsstand der Nachrichtenelektroniker, die ehemaligen Radio- und Fernsehtechniker und anverwandter Branchen inne hat?

Sieht man von der direkten schulischen Ausbildung wie den HTL's - Höheren technischen Lehranstalten sowie Fachschulen ab, so bleibt das duale Ausbildungssystem als Quelle übrig. Und da ist zum Einen der praktische Teil im jeweiligen Ausbildungslehrbetrieb, hingegen der theoretische Teil in einer Berufsschule zu finden.

Der Autor durchlebte letztere Variante in den späten 1980er Jahren in Wien, und berichtet von einem Fachlehrer dessen Unterricht wiewohl eher streng geführt, jedoch immer wieder von persönlichen Anekdoten aus dem bereits reichen Lebenserfahrungsschatz unterlegt war. So dachte ich diese Anekdoten mir wohl besser gemerkt zu haben als den eigentlichen Unterrichtsgegenstand wie etwa dem Fachrechnen.

Grund genug nach über 20 Jahren einmal ein Treffen mit dem noch sehr rüstigen Jahrgang 1929, leider von einigen medizinischen Eingriffen nicht verschonten nun längst in Pension befindlichen Fachlehrer Herrn Ing. Martin Stiny zu organisieren.

 

Bild: Herr Ing. Martin Stiny 2013

Geladen wurde ich gemeinsam mit einem ebenso früheren Schüler von Herrn Stiny und Berufskollegen Herrn B. in das Stadt-Sommerdomizil am beliebten Freizeiterholungsort an der Wiener Alten Donau, wo Familie Stiny seit Jahrzehnten einen kleinen jedoch liebevoll gepflegten Pachtgarten unterhält. Stütze in all den 52 Jahren bis dato war und ist ihm seine Ehefrau Herma.

Bereits der Vater von Herrn Stiny betrieb im 7. Wiener Bezirk in der Westbahnstraße unter dem Namen der Mutter Emilie ein kleines Elektrogeschäft, in das zunehmend auch die Radiotechnik Einzug gehalten hat.

Zeugnis davon ist ein Neuberger Röhrenprüfgerät das sich noch heute im Besitz von Herrn Stiny befindet und damals half etwaige Kosten der Reparaturen in etwa abzuschätzen da die Röhren das teure an Reparaturen war, hingegen die Arbeit „fast nichts“ kostete.

 

Bild: Stiny Emilie, Radiohandlung, Wien VII, Westbahnstrasse 50. Auszug aus Lehmann´s Adressanzeiger mit dem Geschäftsnachweis für mind. 1938-1942

Erschwernis jener Tage waren die im Großraum Wien vorhandenen unterschiedlichsten Netzspannungen wie 110 und 220 Volt und vor allen der „wilde“ Wechsel zwischen Gleich- und Wechselstrom von einer zur nächsten Straßenseite, was die Beratung und den Verkauf hinsichtlich des richtigen Produktes für den Kunden deutlich erschwerte.

Kriegsbedingt wurde Herr Stiny einmal zu Aufräumarbeiten in das Umspannwerk etwa beim Wilhelminenberg geschickt wo nach einem Bombentreffer die 2 V Akkus ausgelaufen waren und sich die Schwefelsäure gar grausam ergoss. Dabei handelte es sich um eine Pufferanlage, die unter Tags mittels Umformern geladen wurde, nächtens dann im Akkubetrieb die Stadtteile nebst dem Krankenhaus versorgte.

Nachdem Herr Stiny sich im Besuch des Gymnasiums in der Oberstufe mit Geschichte und Latein abquälte und danach die Fachrichtung Starkstromtechnik erlernen wollte, war dies aufgrund der bereits vollen Klasse nicht mehr möglich was ihm dazu zwang die Fachrichtung Radiotechnik am TGM - Technologischen Gerwerbe Museum Wien 9 anzunehmen.

Leider blieb es bis auf einen Lehrer und dies zudem recht spät bei unsäglicher Theorie, bis ihm erst die Trümmer des „Tausendjährigen Reichs“ ab 1945 massenhaft mit Bauteilen und Baugruppen aus ehemaligen Wehrmachtsteilen versorgte mit denen er und seine Freunde experimentell sich beschäftigen konnten.

„Da habe ich erstmals einen Verstärker gebaut“ schildert Herr Stiny.

Es blieb nicht bei Verstärkern. Ein selbstgebauter 50 Watt Mittelwellensender ging ans Netz, mit dem „schwarz“ Klaviermusik übertragen wurde. Mittels dem in Wien berühmt berüchtigten Vierteltelefonanschlüssen (Teilanschlüssen) folgte dann die Reichweitenbestimmung des Dargebotenen. Ein Kollege stand dabei in der Burggasse „schmiere“, stets darauf achtend ob ein Jeep mit Peilantenne gar schon unterwegs war.

Ein Kurzeinsatz bei der Deutschen U-Bootwaffe in Rostock im Krieg gehört noch zu den Anekdoten, die das Leben so geboten hat. „Maßgeblich waren die Körpergröße und mathematische Kenntnisse um dorthin alternativ zu Aufräumarbeiten und anderem berufen zu werden“. Die Ausbildung zum Luftschutzwart runden die Kriegszeit ab in der keine persönlichen Opfer zu beklagen waren, zudem auch der Vater durch seine Spezialistentätigkeit bei der Zündsicherung im Gaswerk als UK - Unabkömmlich gegolten hat.

In den Ferien war man angehalten sich in einem Rüstungsbetrieb Praxis anzueignen was ihn zur Firma MINERVA zum Reparieren der Echolot Geräte führte.

Für das private Basteln hatte er einen eigenen Raum im Stiegenhaus seines Wohnhauses von den Eltern zur Verfügung gestellt bekommen, diese sicher nichts ahnend was der Sohn da im Detail so treibt.

Eine gute Materialquelle jener Tage war auch das nicht ganz optimal gesicherte Heeresmateriallager der Heeresdienststelle im so genannten Wiener Arsenal, wo sich heute das Heeresgeschichtliche Museum befindet, und an dem man sich gut mit brauchbaren Gegenständen ob einer lachsen Kontrolle der Britischen Besatzungsoldaten „eindecken“ konnte wie ich einst auch von einem anderen Zeitzeugen fast gleichen Jahrganges bestätigt bekam.

Es folgte der erfolgreiche Abschluß des TGM`s – des Technologischen Gewerbemuseums Fachrichtung Radiotechnik 1949 und endete einmal in der Arbeitslosigkeit die durch eine „gnadenhalber“ Anstellung für ein halbes Jahr in der Serviceabteilung bei der Fa. Philips sein temporäres Ende fand. Dort lernte er einmal das Radio Reparieren.

Exkurs:

Das Unternehmen Krischker & Nehoda (Hatte früher eine Radiofertigung) bekam 1945 nach dem Zusammenbruch von der sowjetischen Besatzungsmacht den Auftrag russische Röhrensender wieder zu reparieren.

„Diese wurden davor zum Teil ob ihrer Bauform als Abort verwendet und mussten erst einmal gereinigt werden was ich in der Halbgasse Wien 7 des öfteren sah wie sich jemand mit dem Schlauch herummühte“. Dabei gab es das interessante Detail, wonach die Kondensatorenwerte sich durch Einzelelemente elektrisch wie mechanisch zusammenschalten ließen. Also z.B. 10 x 10 pF ergaben 100 pF was als recht servicefreundlich empfunden wurde.

 

Wanderkino:

Weiter ging es als gut verdienender Operateur in einem Wanderkino quer durch Österreich, wo eine Dreierpartie sich die Aufgaben an der Kasse, am alten Fichtel & Sachs Zweitakt Wehrmachts-Stromgenerator und am Filmprojektor teilte.

Dafür machte er die erforderliche Filmoperateurprüfung. Ebenso musste er zum Lenken des Steyr Lastwagens samt Anhänger die Führerscheinklasse C & D machen. Geladen hatte man den Campinganhänger sowie mehrere Projektoren für 16 & 35 mm unterschiedlicher Filmperforation nebst einer kleinen Werkstätte.

„Mangels brauchbarer Stromanschlüsse die bestenfalls bis 4 Ampere gingen mussten wir unser Aggregat verwenden. So war es eine Kunst den richtigen Moment zu erwischen, in dem der Stromgenerator gerade die richtige Spannung lieferte und gleichzeitig noch am Laufen gehalten werden konnte und man dem Kollegen mittels Taschenlampe ein Lichtsignal gab. Schaltete man die Projektorlampe zu früh ein, dann starb der Generatorantrieb ab. Schaltete man zu spät auf dann bekam die 750 W Projektorlampe Überspannung und war defekt….“.

Es folgen Berichte von Filmrissen und den Behandlungsformen selbiger. Gerissene Filme wurden dann in der Neutorgasse in einem ausgebetteten Schacht im 7. Stock geworfen und wieder aufgerollt sowie neu geklebt.

„Alle 14 Tage musste ich für einen halben Tag die Geräte nachlöten da sich die Verdrahtungen im LKW während der Fahrt „aufgelöst“ hatten“, erinnert sich Herr Stiny auszugsweise an jene Tage.

 

Siemens:

Danach führte ihn das Leben zu Siemens wo es ein ingenieurmäßiges Umfeld gab, das Unternehmen jedoch gerade die eigenständige Fernsehabteilung aufgaben. Und er in Folge in der Abteilung die sich mit Thermobauelementen und Höhenstandsmesser beschäftigte die im gerade in Errichtung befindlichen Stauseekraftwerk Kaprun eingesetzt waren, um dort den Aushärteprozess (Abbinde-) des Betons zu überwachen. Geprüft wurden die Elemente mit 275 Bar. „Hier halfen mir viel meine radiotechnischen Kenntnisse.“

Auto:

Etwa um diese Zeit kam das erste Auto 1957, ein sowjetischer Moskvich 407 der später in der Vorliebe zu hubraumstarken Fahrzeugen mündete und ob seiner servicefreundlichkeit auch bei Minus 20°C Herrn Stiny verlässlich in die Berufsschule brachte. „Hubraum ist durch nichts zu ersetzen“ lautete der sinngemäße Warnhinweis an uns Schüler noch in den Tagen der Berufsschule als man Automobilisten diesbezüglich noch mehr Freiraum einräumte als dies aktuell der Fall ist.

Bild: Erstes Auto - der Moskwitch 407

Berufschullehrer:

Dann ergab sich etwa Ende der 1950er Jahre auf die 1960er Jahre die Möglichkeit Lehrer an der Berufsschule für Nachrichtentechnik zu werden zu der auch das Radio- und Fernsehhandwerk gehörte. Dazu folgte eine Prüfung in der pädagogischen Lehranstalt um als Lehrer tätig werden zu dürfen für dessen Vorbereitung er ein Jahr dienstfrei gestellt wurde. Direktor war in jenen Tagen Herr Safarik der sich schon durch Fachbücher einen Namen gemacht hat.

Anmerkung: Wie das alte Analog-Telefon funktioniert, hat sich der Autor durch ein Fachbuch von Safarik & Vojta aus einem Antiquariat stammend angeeignet!

„Radio habe ich erst in der (Berufs-)Schule richtig gelernt.“ Dies durch die andere Literatur und meine Kontakte zur Industrie.

In der Schule kannte man ihn als eher strengen Lehrer der Gegenstände wie Fachrechnen unterrichtete. Hinzu kam fallweise noch die Erwachsenenbildung u.a. bei ITT und Sony sowie der eigenen Firma die als dritter Job herhalten musste.

 

Eigenes Geschäft:

1960 übernahm Herr Stiny und seine Frau das ehemals elterliche Geschäft in der Westbahnstraße. So gab es auch mit Herrn Krischker geschäftliche Kontakte nachdem sich dieser in der Zieglergasse selbstständig gemacht hatte.

Das später vergrößerte Elektrogeschäft mit 11 m Auslage in der Kaiserstraße wurde mit der Notwendigkeit der Computertechnik dann stillgelegt. Zuvor schon hat man sich auf Beleuchtung und Lichtsteuerung spezialisiert da im Wettbewerb bei der Braunware wie etwa Fernseher kein Geld mehr zu machen war.

Privat lebt das Paar bei Klosterneuburg und Herr Stiny unterhält noch seine Werkstatt für Reparaturen und beschäftigt sich nebst zeitgenössischen Themen mit der Musik die ihn lebendig hält.

 

Fazit:

Ein arbeitsreiches Leben mit vielen Kontakten und Ereignissen rund um unsere Branche das viele Branchenkollegen ein wenig mitgeprägt hat und deshalb wert ist in Erinnerung zu bleiben.

Es folgt die Danksagung an die Familie Stiny für Ihre Gastfreundschaft und der bereitwilligen Auskunft über vergangene Zeiten.

 

W. Scheida / Medienhistoriker, Wien im Mai/Juni 2013              

zu www.scheida.at // www.scheida.at/scheida/Televisionen.htm gehörend

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