Der Wiener Radiohändler Max Weinwurm

  Max Weinwurm Stempel

  Bild: Einst "abgestempelt" und somit dokumentiert gegen das Vergessen - Ein weiterer einstiger Radiohändler aus Wien

Einleitung

Ein Firmenstempel auf einem >Technischer Telefunkendienst 1938/39<, einem wie man heute sagen würde Servicemanual der einstigen Weltfirma TELEFUNKEN mit einem phonetisch im Ohr klingenden Familiennamen ließ mich sogleich Nachforschungen starten die leider eine dunkle Vorahnung allsbald bestätigten.

Der Radiohändler Max Weinwurm * 21.4.1867 in Wien - † 8.10.1942 im KZ Ghetto Theresienstadt (heute Terezin in Tschechien) wurde knapp 75 1/2 Jahre alt.

Zugegeben, derzeit ist uns nur sehr wenig mehr über Max Weinwurm bekannt was auf dieser Seite im Zusammenhang mit dem Thema der einstigen Wiener Radiohändler aber dennoch zusammengefasst dargestellt werden soll bis zukünftig einmal weitere Erkenntnisse gefunden werden.

Inhalt:

  1. Einleitung

  2. Lokale Verortung in Wien

  3. Versuch einer Spurensuche

  4. Quellen und Literaturnachweise

  5. Weitere Lesetipps des Autors

Lokale Verortung in Wien

In Wien 2, der Leopoldstadt zwischen der Donau und dem Donaukanal gelegen lag in der Zirkusgasse 37 das Radiohaus von Max Weinwurm.

©Google Maps

Bild: Planauszug ©Google Maps

Einer Straße und Gegend symbolisch zudem für das jüdische Leben in Wien stehend, lag doch die große im November 1938 zerstörte Synagoge unweit davon in der Tempelgasse. Vergleichbares gilt für die Synagoge der Türkischen Israeliten in der Zirkusgasse 22.

  Tempelgasse

Bilder: Szeneneindrücke anlässlich einer geführten Erinnerungstour 2013 in dieser Gegend mit einer nachgestellten Fassade der einstigen Synagoge am Standort in der Wiener Tempelgasse.

Von Anfang an dabei:

Ähnlich wie auszugsweise angeführt und bereits beschrieben, wie der im einst medialen Auftreten ungleich größere Wiener Radiohändler Eugen Goldschmied sowie der kleinere Radiohändler Samuel Rubel war aber auch Max Weinwurm bereits ein Radiohändler der ersten Stunden als es damit in Österreich so richtig los ging.Max Weinwurm 1925

Bild: Derzeit erste bekannte Werbeschaltung beginnend mit dem September 1925 in der [Radiowelt Nr. 31/1925)]

Erstaunlicherweise wie auch an anderen Schauplätzen des Radiohandels hat das Gründerzeit-Eckhaus die Bombardierungen überstanden wenngleich entsprechend kriegsbeschädigt wie die im Verputz über dem Eingangsbereich zeugende damals obligatorisch anzubringende Tafel des Wiederaufbaufonds belegt. Der Nachkriegszeit vielfach typisch wurden die Stuckelemente an der Fassade zugunsten einer sehr schlichten Gestaltung abgeschlagen. 

©Google Maps

Bild: Zirkusgasse 37 aktuell ©Google Maps

Die Zahlungsmodalitäten für die Rückzahlung dieser Wiederaufbaudarlehen sind übrigends ein in Wien in Sachen MRG Mietrecht selbst 2025 immer noch aktuelles Thema das Helfen mag Mietgelder zu sparen wenn man weis worauf man zu achten hat.

Ebenso nicht unbedingt erstaunlich aber die Adresse bietet eine vermeintliche Kontinuität in Sachen Elektroniktechnik da lt. Google Maps nun ein >toolsONair< Geschäft mit den bekannten Apple Produkten zumindest an gleicher Adresse seine Geschäfte tätigt.

Weinwurm Werbung im November 1925. Aus [Radio-Wien Nr. 8, 1925]

Bild: Weinwurm Werbung aus 20. November 1925. Aus [Radiowelt Nr. 8, 1925]

Es folgen ähnlich konzipierte Werbeschaltungen u.a. für die neuen Sparlampen in [Radiowelt Nr. 8, 1926]

Das Produktsortiment gleicht weitgehendst dem der jeweiligen Saisonen wie sie auch vom Wettbewerb offeriert wurden weshalb wir hier nicht im Detail darauf einzugehen brauchen.

Für damals typisch hoch, oder besser formuliert weit hinaus wollte man nach Amerika wie [Radiowelt Nr. 13, 1926] belegt. Das war ebenso durchaus bei der Konkurrenz gängige Praxis.

Amerika Empfänger Weinwurm

Ein konservatives Auftreten als Geschäftspolitik?

Eine andere wohl bewußt konservative Werbestrategie fuhr eben Weinwurm mit der Ablehnung von exzessiver Werbung, damals Propaganda genannt, wie es etwa insbesondere Eugen Goldschmied oder auch das Radiohaus "WALTER" in höchster Ausprägung mit Erfolg aber auch vollem geschäftlichen Risiko ausübte.

Inwieweit die Maßstäbe eines redlichen Kaufmannes dabei ausgereizt wurden lesen Sie unter deren Namen.

Weinwurm WerbungSo gab es eben KEINE sonstig üblichen Ratenzahlungen und auch kein "Schnick-Schnack" jenseits des Kerngeschäfts wie in der [Radiowelt Nr. 43, 1926] belegt.

Weitere Schaltungen finden sich u.a. mehrfach in

Umfeld-Persönliches:

Max Weinwurm war, wie so viele die bis dahin Wiens Alltag geprägt hatten vermutlich schon vor dem "Anschluß" von Antisemitismus und anschließend von der NS Verfolgung betroffen.

Hier haben wir begonnen den Umgang mit Enteignungen sowie dem weiteren Schicksal von Personen die in Österreichs Radiogeschichte involviert waren ab 1938 damit zumindest teilweise zu dokumentieren.

Siehe dazu auch die bereits veröffentlichten Beiträge des Autors zu

 

Versuch einer Spurensuche:

   

Während der Kriegszeit - Das Ende

Wir erfahren das Geburtsdatum sowie Sterbedatum und Ort von Max Weinwurm.

Selbst der Totenschein aus dem KZ ist eingescannt im www frei lesbar. Die Wiedergabe der "ärztlichen Befunde" in diesem Zusammenhang und mit unserem zwischenzeitlich allgemeinen Wissen um die einstigen (verlogen verdreht dargestellten) Umstände können wir uns hinsichtlich einer weiteren Interpretation sparen.

Nur soviel zu diesem Ort:

Eine Dienstreise nach Berlin die uns in den 1990er Jahren über Prag führte ließ uns weitgehend unwissend wo wir im Speziellen gelandet waren durch Theresienstadt, nachmals Terezin fahren und halten.

"Der Gedanke das SS Lagerpersonal in einem alten Haus das nun als Hotel diente einmal gewohnt haben könnte ließ uns nebst anderen Gründen wie etwa der eher allgemein düsteren Stimmung die der Ort verbereitete andernorts eine Herberge suchen."

 

Seine Deportation erfolgte am 28. Juni 1942 nach Theresienstadt wo er im gehobenen Alter nach kurzer Zeit am 8. Oktober 1942 verstarb bzw. wohl eher ermordet wurde.

Im [Völkischen Beobachter] vom 29. März 1943 konnte jeder der wollte (also auch all diejenigen die nie von nichts gewußt haben wollen) in der Rubrik "AMTLICHES" unter dem vermeintlich harmlosen juristischen Begriff "Einziehungserkenntnis" über all die unzähligen nunmehr als Staatsfeinde bezeichneten Personen und ehemalige Nachbarn nachlesen.

Dort wird u.a. der Einzug aller beweglichen wie auch unbeweglichen Habe angeführt.

Interessanterweise ist hier plötzlich wieder von Österreich anstelle der "Ostmark" die Rede und dem Übergang des Eigentums in das Deutsche Reich.

Bekannt privates:

Max Weinwurm wohnte wie viele Geschäftsleute jener Zeit unweit seiner Geschäftsfirmierung auf Nr. 37 in der gleicher Gasse auf Nr. 19, Top 13 und wurde wie viele andere ebenso augenscheinlich im Rahmen der "Freimachung" von ganzen Straßenzügen gelistet.

Mitgelistet in der "Einziehungserkenntnis" an dieser Adresse sind weiters augenscheinlich Verwandte des Paares (Quelle: Wiener Zeitung 1947):

Dank der wertvollen Arbeit von GenTeam unter dem Innitiator Herrn Felix Gundacker findet sich die Taufmatrikel von Max die uns

Inwieweit im ´"Dritten Reich" ein Todesfall an vermutlich ebenso jüdische Familienmitglieder die womöglich untergetaucht waren oder fliehen konnten kommuniziert wurde bzw. überhaupt zugestellt werden konnte ist eher unwahrscheinlich.

So finden wir unter der Amtszahl 48 T 3780/47 vom 31. Juli 1947 in der [Wiener Zeitung] vom 8. Oktober 1947 die Einleitung zum Verfahren zur Todeserklärung.

Innitiert von seiner Tochter Ottilie Katz *2.7.1893 Wien - 16.9.1965 Wien, seit 1914 verehelicht mit Arthur Katz.

Als ihre Mutter und damit wohl Ehefrau von Max wird Bertha, geb. Dubsky angegeben. 1947 wird Max Weinwurm als verwitwet geführt.

Dazu passen würde die am 1.12.1937 verstorbene Bertha Weinwurm im Alter von 69 Jahren die zu diesem Zeitpunkt wohl bei ihrer Tochter in der Buchengasse Wien 10 getrennt von ihrem Mann (?) lebte.  

Ottilie Katz wiederum finden wir mehrfach unter Rückstellungsakten für eine Fleischhauerei in Wien 10 angeführt.

Es bleibt eine nachvollziehbare Mutmaßung, dass der Kampf um die Rückstellung von Vermögen bzw. der einstigen Existenz hier wie auch bei anderen Leidensgenossen sehr aufreibend war. 

 

Ein möglicher Nachfolgebetrieb oder gewohnte Weiterführung der Geschäfte an gleicher Adresse?

Wie obig zu ersehen, fand Max eigenes Wirken 1942 durch äußere Gewalt des Regimes ein vorzeitiges Ende.

Lehmann Weinwurm ZirkusgasseWenngleich es damals eine Pensionierung für Selbstständige in der uns heute bekannten Form so nicht gab, so wäre er mit 75 Lebensjahren nach unserem Verständnis in jedem Fall ein Pensionist gewesen,

Es gab aber wie im Lehmann Adressanzeiger ausgeführt zwei "Weinwurm" als Geschäftsinhaber an gleicher Adresse.

Bild: Lehmann Adressanzeiger 1938

 

Unser einstige Redakteur Fritz Czapek führte im MUSEUMSBOTE Heft 42 von 2012 aus, wonach in der Zeitschrift [Radiohandel und Export] vom Mai 1947 nebst den allgemeinen Schwierigkeiten der Radioindustrie mit der Nennung von öS 3 Schilling und 80 Groschen je Reparaturstunde insbesonders Heinrich Weinwurm, Zirkusgasse 37 als Bezirks-Fachgruppenleiter Wiens für den Radioeinzelhandel eben für Wien II. angeführt wird.

Radio Weinwurm Werbung 1952

Dies nebenbei bemerkt zu einer Zeit in der Wien mit 26 (!) Bezirken angeführt wird.

 

 

Das Geschäft folglich als Radiohaus Weinwurm an gleicher Adresse gab es noch weiter in der Nachkriegszeit unter Heinrich Weinwurm der wohl ein Familienmitglied, vermutlich Max Bruder oder Sohn (?) gewesen sein dürfte.

Dazu passt, das ab ca. 1932 die Werbungen vermehrt nicht mehr auf Max Weinwurm sondern "nur" mehr auf Weinwurm allgemein lauten.

Die vorläufige Spur verliert sich am 10. Februar 1952 mit einer letzten EUMIG Werbung in der [Arbeiter Zeitung] unter dieser Geschäftsbezeichnung und Namen.

Bild: Von EUMIG promotete stets gleichlautende Werbeschaltung für das neue Modell erhältlich bei vielen teilnehmenden Händlern. [Arbeiter Zeitung vom 10. Februar 1952]  

2025 immer noch lebendige Radionostalgie in der Zirkusgasse

Wenngleich soweit bekannt NICHT in obigen Zusammenhang stehend, darf man weiterhin die Zirkusgasse 21 in Wien als Anlaufstelle für Radionostalgiker nennen wo die Firma Oldtimer-Radio Josimovic seit 1955 nach Jahrzehnten als etablierter Spezialist für den Autoradioeinbau und Service sich nun seit 2018 in nächster Generation liebevoll exklusiv um die alten Schätze kümmert.  

 

Bild: Radionostalgie zu sehen auf Streetview Nr. 21 by ©Google Maps

 Quellen (Auszug):

  1. Einträge in FINDBUCH zum Thema in Verbindung mit den NS Verfolgungen, abgerufen im November 2025

  2. Anno, Radiohaus Weinwurm, abgerufen im November 2025

  3. Archiv des DÖW, abgerufen im November 2025

  4. Google Maps Einträge, abgerufen im November 2025

  5. Einträge in DERLA - Digitale Erinnerungslandschaft; Abgerufen 13.6.2025

 


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© Textzusammenstellung 11-12/2025; W. Scheida/Wien Medienhistoriker, zu  www.scheida.at gehörend

Letzte Überarbeitung: 11.12.25