Der PHILIPS Gegensprechzusatz, alias einer Heimsprechanlage Type AF A7.800 für Röhrenradios im PHILIPS Super-Adagio BA531A

 

Anmerkung: Dies ist ein Doppel-Beitrag

Einmal zum PHILIPS Gegensprechzusatz AF A7.800

sowie zum

PHILIPS Super Adagio BA531A

in dem dieser Zusatz hier stellvertretend einst eingebaut wurde.  

PHILIPS Super-Adagio BA531A

Bild: "Das schönste und beste Gerät" lobte die zeitgenössische Presse den neuen PHILIPS Super-Adagio BA531A [1] 1952.

"Anders als alle Anderen" bauähnlichen Geräte dieser Saisonen aus den Anfängen der 1950er Jahre, besitzt dieser einen weiteren Umschalter für die Kurzwellenlupe in der Mitte!

 

Einführung:

Sehr lange ist es schon her, als mich noch als Kind meine Tante zu einer Art „Tag der offenen Türe“ in die Wiener Technikerschmiede, der HTL Schellinggasse in Wien 1 mitnahm, und in einem der Labors von einem Professor für die Gäste die Grundlagen der Schallübertragung anschaulich referiert wurden.

So lag da am Tisch ein Einbaulautsprecher, wie ich ihn schon von meinen bisherigen Basteleien kannte, und der an einem mir damals noch unbekannten Gerät, einem Oszilloskop, anschlossen war.

Und dort die menschliche Schallinformation folglich als elektrische Größe am Anzeigeschirm gar lustig zitterte.

Der Lautsprecher als Mikrofon am Oszilloskop

Bild: Heute ein "alter Hut" von mir nachgestellte Szene mit einem HENRY Lautsprecher mit meinem KENWOOD CS-1021 Oszilloskop. Für mich damals als Kind ein begeisternder Anblick von der Sprache am Oszilloskop Bildschirm. Noch erschien es mir aber als unerreichbar je diese Technik verstehen zu können. Die dabei nur geringen erreichbaren "Mikrofon"-Pegel und der hohe erforderliche Verstärkungsfaktor sprechen dabei ohnehin für sich.

Zu Hause angekommen folgte die Enttäuschung, wonach ich einen einfachen 5 Ohm Lautsprecher offensichtlich nicht so ohne weiteres als Mikrofon verwenden könne.

Der technische Hintergrund dazu, in Sachen Impedanz Anpassung ist dem fachlich geschulten Leser natürlich geläufig.

Inhalt:

  1. Einführung 

  2. Der PHILIPS Super Adagio BA531A

  3. Seine Besonderheiten in der Ausstattung

  4. Der eingesetzte RIMLOCK Röhrensatz

  5. Der Zustand des Gebrauchtradios nach über 70 Jahren

  6. Die Röhrenherstellercodes und deren aktuelle Zustand

  7. Das Gerät im Spiegel seiner Zeit

  8. Der PHILIPS Gegensprechzusatz AF A7.800 

  9. Ein Blick auf die Auslandsversionen des AF 7800

  10. Quellen und Literaturnachweis

  11. Weitere Lesetipps des Autors

 

Der PHILIPS Super Adagio BA531A, Dreiband AM Radio

Die PHILIPS Ingenieure der 1950er Jahre jedoch hatten einen brauchbaren, zudem kostengünstigen praktischen Einsatz für diese Grundanordnung in Form eines Lautsprechers als Mikrofon, als eine „nette Ergänzung“ in Form des >Gegensprechzusatz AF A7.800< so die Bezeichnung der Österreich Ausführung gefunden:

Auf dem ersten Blick ein typischer PHILIPS Radio noch ohne UKW aus dem Anfang der 1950er Jahre, würden wir denken.

Als „Das schönste und technisch beste Gerät“ wurde der öS 1.735,- Schilling teure Sieben-Kreis Super einst propagiert [1].

Als Besonderheiten in der Ausstattung besitzt er einmal

Der eingesetzte 40er Rimlock-Röhrensatz: 

Bestückt wurde er wie damals üblich mit der ECH42, EAF42, EBC41, EL41, AZ41, und der (Oktal) EM34 Anzeigeröhre in der Typensuffix >A< Wechselstromausführung.

Es gab wie damals üblich noch eine /U Allstromausführung mit U-Röhren in Serienheizung geschaltet auf die wir hier nicht einzugehen brauchen.

Erst ein Blick auf die Rückwand wird bei dem einen oder anderen Sammler ein Déjà-vu Erlebnis hochkommen lassen, wonach er dies doch schon einmal wo gesehen hat.

Die Rede ist von der in der Rückwand vorgestanzten und vielfach auch vorgedruckten Stelle die für einen PHILIPS Gegensprechzusatz AF A 7.800 vorgesehen war. Soweit so gut.

PHILIPS Super Adagio BA531A

Bild: Rückwand des PHILIPS Super Adagio BA531A/U mit dem Gegensprechzusatz AF A7.800 aus der Saison 1952/53

Erst dieser Tage aber sah ich als langjähriger zumindest virtueller Sammler erstmals so ein Gerät, dass diesen Zusatz auch tatsächlich, vermutlich relativ zeitnah zum einstigen Kauf nachgerüstet bekommen hatte.

Doch hier zuerst der Teil 1 zum eigentlichen Radio

Der Zustand des Radiogerätes:

Sein Äußeres:

Starke Gebrauchs- und wohl eher auch Lagerspuren sind durch Kratzer wie auch abgeschlagene Furnierstücke am Gehäuse kennzeichnend.

Hinzu kommt außen wie insbesonders innen eine starke Verschmutzung. Alles nichts Besonderes. Hier aber nur erwähnt um Ihnen als Leser ein möglichst vollständiges Bild des zu untersuchenden Objekts abzugeben.

Das gilt auch für die für diese Geräteklasse eigentlich typische, zwar nicht unangenehme, aber doch merkliche Geruchsaura als eine diffuse Mischung von Zigarettenrauch, Parfum und anderem konserviert in der innen haftenden Staubschicht.

Bild: "Another one bit's the dust" - Der vorgefundene Zustand beim Erhalt. Man sieht ihm die Jahre der Nichtpflege sowie den Staub "der Jahrzehnte" an. Hier der Blick auf das Chassis im Zustand meiner Erstöffnung.

Die vorgefundenen Herstellercodes:

Der als Original anzunehmende Lautsprecher mit der Type >PHILIPS-RADIO TICONAL A 229 FX< weist als Herstellerdatum >51.51<, also die 51. Kalenderwoche in 1951 aus.

PHILIPS-RADIO TICONAL A 229 FX

Bild: Die "liegende" Gleichrichterröhre und der PHILIPS Datumcode am TICONAL Lautsprecher

Am Drehkondensator gibt es die >50.52< Stempelung was wohl die 50. Woche im Jahr 1952 ausweisen dürfte.

Bild: Gut zu erkennen, der Datumscode am zudem mechanisch vom Chassis leicht entkoppelt montierten dreifach Drehkondensator, der PHILIPS Tauchtrimmer zur Antennenkreisanpassung, das ZF Filter mit Frequenzstempel, die (teilweise Austausch) Röhrenbestückung von unterschiedlichen Herstellern, die Bowdenzug Frequenzabstimmung sowie eine der beiden Lämpchenanschlüsse für die Flutlichtskala.

Mein neu gebautes, nun endlich fertiges ROETEST V10 durfte sich voller Freude gleich einmal über den Rimlockröhrenfassungsadapter ein wenig einmessen.

ROETEST-V10/ROETEST-V10-Nachbau-Koffer

Bild: Wer misst, misst mißt! Nicht weil ich es muß, sondern weil ich es nun endlich (wieder) kann: Dem realen Betrieb weitgehend herankommende Messungen am glühenden Objekt der Begierde mit dem ROETEST V10! Siehe hierfür den eigenen ROETEST Beitrag durch Anklicken des Bildes!

Noch vor dem Ersteinschalten und dem Ausprobieren des Radios erfasste ich die nachfolgenden Werte der Röhren nebst deren Kennlinien:

Mit dem Anklicken der Röhrentypen haben Sie den Link zu meinen erstellten ROETEST Meßprotokollen für den der es ganz genau wissen will!

Röhre Hersteller Funktion Codierung  Wert in %;
System 1/2/3
AZ41 PHILIPS Miniwatt Zweiweg-Gleichrichter HD1;  A612 Presssockel 9/77 %; 2,9/26 mA
EL41 PHILIPS Miniwatt NF Endstufe A Betrieb 869; A 45.52, M4.10  76 %; 27,5 mA
ECH42 PHILIPS Miniwatt Oszillator & Mischstufe 781; A 51.52; PC.15 99/99 %; 3/6 mA
EAF42 TUNGSRAM AM Demodulator & ZF Verstärker 988, o1,    21/59 %; 0,17/2,9 mA
EBC41 TUNGSRAM HF & ZF Regelspan. Erzeug.; NF Treiber 629; Quadrat im Pressteller  239 (!)/300 (!)/73 %; 1,2/1,5/0,7 mA 
EM34 PHILIPS Miniwatt  Abstimmanzeigeröhre 081; L; A 43.52; Km.5,   68 %; 1,9 mA

Kurze Einblicke in die damalige Röhrenthematik:

PHILIPS Röhrenfassungen 1952
Bild: Damals gebräuchliche Arten der PHILIPS Röhrenfassungen 1952  [Radioschau; 12]
TUNGSRAM Röhren 1952
Bild: TUNGSRAM Röhrenwerbung aus 1952 [Radioschau; 13]
Röhrensatz 1952
 

Bild: Der durchwachsene Röhrensatz - Hat sich da gar eine eigentliche TELEFUNKEN Ersatzröhre (die mit der Raute, ab 1956) als TUNGSRAM getarnt?

In diesem Zusammenhang sei zudem auf den sehr interessanten Hintergrund zu den einstigen Geschäftspraktiken der Röhrenindustrie, Stichwort "Ringtauschabkommen" verwiesen.

Siehe Quelle [Artikel von Fachkollegen Herrn Stefan Müller in der GFGF >Funkgeschichte< FG272 vom Dezember 2023]

Subjektiv sowie von den Röhrendaten und den Stempelungen ablesbar scheinen mir alle PHILIPS Miniwatt Röhren noch als Originalerstbestückung des Jahres 1952 zu sein.

Wobei das >A< in der Codierung gemäß dem PHILIPS Röhrenschlüssel [11] für das Wiener WIRAG Werk steht
(Wikipedia: 1936 bis 1987 „Radiowerke Horny“ und „Wiener Radiowerke AG“).

Als einzig aufgesetzt montierte, zudem metallisch geschirmte Rimlockfassung ist die der ECH42 ausgeführt. Alle anderen sind eher preisgünstige in das verzinkte Hauptchassisblech vertieft eingenietete Pertinaxfassungen.


Die TUNGSRAM Typen sind naturgemäß eher als ein zeitgenössischer Reparaturersatz in den Jahren seines augenscheinlich intensiv genutzten Radiolebens zu werten.

Hier die theoretische Auswertung der Röhrenmeßwerte noch VOR der realen Inbetriebnahme des Radios:

  1. Es wird kaum die benötigte Anodengleichspannung erreicht werden, da das System 1 der AZ41 fast tot ist. Somit ist KEINE Funktion zu erwarten.

  2. Der AM Demodulator bringt vermutlich kaum mehr ein ausreichend starkes NF Signal, da das A System der EAF42 nur mehr 21% liefert.

  3. Die Abstimmanzeigeröhre EM34 liefert zwar einen ausreichenden Systemstrom, jedoch keinerlei Anzeigehelligkeit mehr. Der Schirm selbst ist aber "Tot".

Die Reparatur des Radios:

Dieser Bericht FOLGT zu einem SPÄTEREN Zeitpunkt und wird gelegentlich hier nachgetragen!

Eigenheiten im Geräteaufbau:

Wie später u.a. auch von der EUMIG EUMIGETTE W bekannt geworden, ist auch hier die Gleichrichterröhre aus Platz- oder thermischen Gründen in horizontaler Montageart über dem Trafo angebracht worden.

Die gewählte Zwischenfrequenz ZF beträgt 458,5 kHz lt. dem Stempelabdruck an den ZF Abschirmbechern.

Dies stellt eine Abweichung der "runden" Zahlen wie etwa den bekannten 460 kHz für Europa dar, da die Empfangssituation im AM Bereich zum Zeitpunkt seiner Markeinführung durchaus herausfordernd war.

Mehr zum Thema siehe ebenfalls den Beitrag des Autors zum Thema der UKW Einführung in Österreich.

 

Das Gerät im Spiegel seiner Zeit:

Der PHILIPS ist ein eigenständiges Radiomodell. Ein wie damals in Österreich übliches baugleiches Pendant unter dem Konzerneigenen Schwester-Markennamen HORNYPHON sucht man hier vergebens.

Wenngleich es abgewandelte Modelle wie den HORNYPHON Prinzess W452A, ohne der Funktion der Kurzwellenlupe genannt, um öS 1.535,- Schilling und somit um öS 200,- Schilling etwas günstiger gab, war das Gerät zudem einer der letzten Vertreter der reinen zudem hochwertigeren AM Heimtischgeräte die in Österreich hergestellt und vertrieben wurden.

Letztgenannter HORNY hat auch keine Vorstanzung für den Gegensprechzusatz, wiewohl der technische Einbau letztlich ident wie beim Super Adagio vonstatten gehen würde.

Ein Sammlerfreund wollte diesen Gegensprechzusatz zudem bei seinem optisch weitgehend identen, jedoch bereits mit UKW ausgestatteten HORNYPHON Lord 54 dort einbauen.

Da es sich jedoch um die /U, also nicht netzgetrennte Alltromausführung handelt, wird bis auf weiteres von diesem Vorhaben Abstand genommen.

Schon eine Gerätesaison später wurde es in Österreich ernst mit dem damals neuen UKW Rundfunk, denn es folgten fortan nur mehr AM/UKW Kombinationen in dieser Klasse. Ein Thema dem der Autor zudem einen eigenen Artikel gewidmed hat.

 

Der PHILIPS Gegensprechzusatz AF A7.800  

Wobei das >AF< für "Audio-Frequency" - oder auch "Audio-Frequenz" stehen könnte. Das zweite >A< in der Type wohl als Ländercode für AUSTRIA gilt und nur in der Österreich Version einen Typenbestandteil darstellt. 

Die Nachrüstung im obig beschriebenen PHILIPS Super-Adagio selbst, an der Art der Lötstellen, sowie den mit Stoffband umwickelten Drähten und anderem erkennbar, dürfte zwar von einer sachkundigen Person ausgeführt worden sein.

Als eine schöne Meister- oder solide Gesellenarbeit jedoch kann ich sie so nicht gelten lassen. Wie auch immer.

Vermeintlich handelte es sich um als "Streng Vertraulich" deklarierte Serviceunterlagen seitens PHILIPS wiewohl es sich um einfache Technik handelte [2].

Maßgeblich an dem Zusatz ist ein an die Rückseite geführter Kippschalter mit drei Matrix Schaltstellungen für die Funktionen: Sprechen – Hören - Radio.

Sowie ein weiteres Bananensteckerbuchsenpaar für einen externen Lautsprecher.

Ebenso gibt es bereits eine vorgestanzte Öffnung um aus dem inneren kommend eine geschirmte Leitung an den obligatorischen Phono-Anschluß zu bringen.

Bild: Der PILIPS UKW BA543A Matinée 54 als Beispiel für die vielfach bereits vorgesehenen Ausstanzungen zum Teil mit, zum Teil ohne der Beschriftung für den Nachrüstsatz. Quelle: Bildspende Dank an Herrn Wolfgang B.

Die zugehörige Funktionsbeschreibung aus dem "Österreichischer Radio-Amateur" Heft 12 S. 531ff [1] klärt uns auf:

Zu dem (passiv arbeitenden) Einbausatz gehört eine externe passive Lautsprecherbox die z.B. in einem anderen Raum platziert wurde.

In der Radiogerätefunktion „Radiobetrieb“ konnte in der am AF7800 angewählten Position:

1. Der Zusatzlautsprecher alleine bespielt werden

2. Nur der eingebaute Lautsprecher bespielt werden

3. Der Betreiber des Radios konnte nun wahlweise diesen Lautsprecher mit der ebenso von ihm selbst gehörten Radiosendung als auch den Zweitlautsprecher beschicken.

In der Radiogerätefunktion „Phono“ konnte

1. Per Schalthebelwahl „Sprechen“ wiederum konnte er in den eingebauten Radiolautsprecher nun in Mikrofonnutzung arbeitend hineinsprechen und über die Radio-NF Verstärkerfunktion über den Zweitlautsprecher wiedergeben.

2. Mit der „Hören“ Stellung wiederum, war ein Hineinhören in den Raum möglich, wo der Zusatzlautsprecher als Mikrofon diente.

AF A 7800 Modulplatte AF A7800 Modulplatte

Bilder: Die AF A7800 Modulplatte ist "keine Raketentechnik" sondern lediglich ein Anpasstrafo mit Umschaltmatrix die zudem über die Jahrzehnte ein wenig korrodiert ist und mechanisch etwas steckt. Die Österreich Version zudem im Gegensatz zur Deutschland Ausführung einen offenen Übertrager besitzt.

So heißt es zum Vergleich in [1]:

Durch einen Schalter am Zusatzgerät kann der entfernt aufgestellte Lautsprecher entweder wie ein normaler Zweitlautsprecher (für den auch am Empfänger Anschlußbuchsen vorgesehen sind), das Programm in den zweiten Raum übertragen.

In zwei weiteren Stellungen des Schalters arbeiten der Lautsprecher im Gerät und der Zweitlautsprecher wechselweise als Mikrofon, so daß eine gegenseitige Verständigung möglich ist.

Der Anschluß des Zusatzgerätes ist sehr einfach. Es wird im Apparat mit der Sekundärseite des Ausgangstransformators und dem Lautsprecher, auf der Rückseite des Gerätes durch eine abgeschirmte Leitung mit den Grammophonbuchsen verbunden.

Das Zusatzgerät ist auch für andere Apparate brauchbar. Es ist nur darauf zu achten, dass es genügend weit vom Netztransformator eingebaut wird, damit die Einstreuung auf den im Gegensprechzusatz aufgebauten Eingangstransformator nicht störend in Erscheinung tritt.

Was mag der damals erdachte sinnvolle Anwendungsfall gewesen sein?

• Im Original PHILIPS Prospektwerbetext heißt es dazu: „Die praktische Sprechverbindung zwischen verschiedenen Zimmern oder Etagen“ [3]

Weitere Ansätze:

• Der „Chef“ eines Kleinunternehmens, der an seinem Schreibtisch den Radio zwecks „Nachrichten hören“ stehen hatte und seiner Sekretärin im Vorraum Anweisungen erteilte? Grundsätzlich möglich aber eher nicht wahrscheinlich. Semi – und vollprofessionelle Interkomsysteme, letztlich nicht zuletzt ebenso aus dem Hause PHILIPS kommend deckten in besserer zudem dann bidirektionaler Anwendungsfunktionalität diesen Bedarf ab.

• Überwachung der Kinder als frühes Babyphon

• [10] Beschreibt die Übermittlung von Aufträgen in die Küche wenn wir an eine Gastwirtschaft denken.

• Anweisungen eines Ehemannes an die Hausfrau in der Küche zu den Speisewünschen? Oder gar umgekehrt, Einsatz als Küchen Radio mit Weisungserteilung an den im Wohnzimmer Zeitung lesenden Ehemann? Letzteres sehen wir für die frühen 1950er Jahre sowohl aus wirtschaftlichen wie auch gesellschaftssozialen Gründen eher unwahrscheinlich.

• Dialoge mit einem Besucher im Gebäude (Ärzte, Mechaniker, Hoteliers, etc.)

• Bleibt uns noch die „Haustorsprechanlage“, die nach ertönen einer herkömmlichen Glocke den Hausbesitzer motiviert den bereits in Betrieb befindlichen Radio zum aktiven Ansprechen des Besuchers nach seinem Begehr zu benutzen.

Dies bedingte mitunter einen eher wetterfesten zumindest geschützt platzierten Außenlautsprecher. Zudem mit einigem „Netzbrumm“ der Antwort aufgeschlagen, gerechnet werden konnte.

FOLGT 

Bildszene aus Radiobasteln für Jungen Heinz Richter. Die Technik dazu ist beileibe keine „Raketentechnik“.

Im Wesentlichen besteht der Zusatz aus einem (D: geschirmten) Spezialübertrager und einer „Umschaltmatrix“ per Knebelschalter.

Als drittes Bauteil ist dem externen Lautsprecherausgang (=ext. Mikrofoneingang) ein 22 Ohm Widerstand parallelgeschaltet.

Dieser Übertrager wandelt den Ausgang des etwa 5 Ohm Lautsprechers in eine hochohmige Impedanz, die an den Phonoeingang zur NF Verstärkung geschalten wird.

Bild: Die Schaltung des AF7800. Quelle: PHILIPS NL Unterlagen [2]

Gedanken zur geringen Verbreitung und den Mängeln des Sprechzusatzes

Da diese Geräteanwendung wohl kaum ein Massen Phänomen in der Radiogeschichte darstellt, versuche ich mögliche Gründe für die eher geringe Verbreitung herauszuarbeiten.

1. Der Phono Eingang am Radiogerät war folglich für einen externen Plattenspieler blockiert. Bzw. es musste dann im Fall des Falles manuell umgesteckt oder sonstig umgeschaltet werden.

2. Die wohl eher bescheidene Tonqualität bzw. Verständlichkeit wie auch die Brummeinstreuungen bei längeren Kabelwegen

3. Das womöglich als umständlich und unbequem wahrgenommene Umschalten durch den Bediener sowohl zuerst vorne auf „Phono“ sowie per nach hinten Greifen am Radio für weitere Funktionen.

4. Das private Wohnen fand damals auf eher kleinerem Raum statt. Da genügte ein einfaches Rufen ohne Technik in der 40m² Küche-Zimmer-Kabinett Wohnung.

Ein Blick ins Ausland:

Dem PHILIPS Konzern entsprechend, gab es diesen Zusatz auch, ab 1952 beginnend bis 1955 in weiteren Europäischen Ländern.

Davon zeigt einmal die Mehrsprachigkeit im Textteil der Anleitung.

Dort jedoch als Interfoon, Interphone oder auch Heim-Rufgerät AF7800, ohne dem zusatzlichen >A< bezeichnet.

Bild: PHILIPS Heim-Rufgerät war die Bezeichung bei unseren Deutschen Nachbarn gemäß dem Transportkarton

 

Die mechanischen Einbau Maße betrugen: 130 x 60 x 45 mm

Markant ist neben dem etwas anderen „Knopf“ auch die Steckerkodierung für den Lautsprecherstecker wie auch die Phonostecker mit dem breiten mittleren rechteckigen Führungsstift.

Die Österreich Radios jedoch den Kodierungsstecker mit einem dünneren Mittelstift hatten.

Der >A AF7800< jedoch hatte keine Kodierung, die meiner Meinung nach auch bei den Auslandsmodellen kaum Sinn machte, da der Radiotechniker ja ohnehin ein individuell langes Kabel mit je Ader einem Bananenstiftstecker für den externen Lautsprecher (Mikrofon) zu versehen hatte.

 

Bild: Buchsen & Steckerkodierungen im Vergleich. Obig die Niederländische und darunter die Deutsche Version mit codierter LS Buchse. Die „A“ Version für Österreich (unten) hatte diese nicht.

 

Tabelle (Auszug) an Radiogeräten mit gestanzter AF7800 Vorbereitung an der Rückwand

Nachstehende Tabelle soll eine grobe, jedoch nachvollziehbarer Weise unvollständige Übersicht diverser Modelle wie auch PHILIPS Nebenmarken mit der Interphone Vorbereitung darstellen:

Land Marke Modell/Type Saison
       
Österreich PHILIPS Super Adagio BA531A 1952/53
Österreich PHILIPS Symphonie BA733A  1953/54
Österreich PHILIPS Symphonie 54 BA743A 1953/54
Österreich HORNYPHON Souverän W773A  1953
Österreich HORNYPHON Souverän 54 W774A 1954
Österreich HORNYPHON Lord W563A 1953/54
Österreich  HORNYPHON  Lord 54 W564A (ECC85) 1954 
Österreich PHILIPS Präludio BA643A 1954
Österreich  PHILIPS  Matinée UKW BA533A 1953 
Österreich  PHILIPS  Matinée 54 UKW BA543A 1954 
Deutschland ?    
Niederlande PHILIPS BX520A 1952/53
Niederlande PHILIPS BX321A /10 1953
Niederlande PHILIPS BX543A /02 1954
Niederlande PHILIPS BX454A /90 1955
Frankreich PHILIPS BF545A/01 1955?
Frankreich RADIOLA RA438A 1954/55
Frankreich Atlantic A62A 1955
Frankreich Médiator M26A 1955
Belgien PHILIPS BX321A /12 1953

  

Wahrscheinlich gab es auch noch weitere Länderversionen.

Generell konnte, wie [1] ausführt dieser Zusatz bei letztlich so gut wie jedem Radiogerät aller Hersteller (mit schaltbarem Phono Eingang) nachgerüstet werden.

Bekannterweise bezieht sich dies aus Sicherheitsgründen auf die Wechselstromausführungen. (Gefahr der Netzphase auf dem Chassis bei Allstrom!)

 

Auszug der Quellen und Literatur:

1. RT - "Radiotechnik" Heft 12/1952, S. 531ff; Abgerufen über ANNO am 13.12.2023

2. PHILIPS (NL) 1952, Service Documentatie AF7800; Abgerufen am 15.12.2023 bei Elektrotanya

3. PHILIPS (D) Prospekt 3071.454.70 von 1954

4. PHILIPS (F) Dépliant Série Super-Magnétique 1955

5. https://radio-bastler.de/forum/showthread.php?tid=2284

6. Eintrag in Radiomuseum.org

7. Eigenes PHILIPS Super Adagio Gerät aus 1/2024 mit der Seriennummer #536342

8. Dank für Bildspenden und weiterer Unterstützung an unseren Sammlerkollegen Herrn Wolfgang Bauer

9. Artikel "Röhrenhandel in Deutschland - Erinnerungen eines Insiders" Teil 2 von Fachkollegen Herrn Stefan Müller in der GFGF >Funkgeschichte< FG272 S. 242ff vom Dezember 2023

10. https://www.doctsf.com/PHILIPS-heim-rufgerat-interphone-af7800/f77755/msg=2&msg2= abgerufen am 13.1.2024

11. https://frank.pocnet.net/other/PHILIPS/PHILIPSCodeListGO/originalPHILIPSCodeList18_02_64.pdf abgerufen am 19.1.2023

12. Öst. "Radioschau", Heft 5, Mai/Juni 1952

13. Öst. "Radioschau", Heft 6, Juni/Juli 1952

 

 


Suchbegriffe: PHILIPS Super Adagio, Interfoon, Intercom, Gegensprechanlage, Heimsprechanlage, AF A7800,


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© Textzusammenstellung 1/2024; W. Scheida/Wien Medienhistoriker, zu  www.scheida.at gehörend

Letzte Überarbeitung: 10.02.24